Meritokratie im Gesundheitswesen-Karrierechancen und strukturelle Hürden für Frauen
Die vorliegende Forschungsarbeit untersuchte, wie meritokratische Prinzipien im Gesundheitswesen erlebt und gedeutet werden und in welchem Spannungsfeld sie zu gesellschaftlichen Geschlechternormen, organisationalen Strukturen und individueller Karriereentwicklung stehen. Obwohl Frauen einen Großteil der Beschäftigten im Gesundheitswesen ausmachen, zeigen sich weiterhin deutliche Ungleichheiten entlang der beruflichen Karrierewege. Ziel dieser Forschungsarbeit war es, ein theoriebasiertes Modell zu entwickeln, das die Mechanismen einer geschlechtsspezifisch selektiven Meritokratie im Gesundheitswesen rekonstruiert. Methodisch basierte die vorliegende Forschungsarbeit auf der Grounded Theory Methodology nach Strauss und Corbin, wobei die Gioia Methodology zur systematischen Strukturierung, Verdichtung und Darstellung des theoriegenerierenden Analyseprozesses herangezogen wurde. Ausgehend von einem explorativen Erkenntnisinteresse wurden drei Gruppendiskussionen mit insgesamt neun Frauen unterschiedlicher Karrierestufen durchgeführt. Die Analyse identifizierte sechs zentrale Themenfelder: (1) Gesellschaftliche und politische Dimensionen, (2) individuelle Erfahrungen, Emotionen und Coping-Strategien, (3) Meritokratie, Leistungsgerechtigkeit und Karriereverläufe, (4) Care-Arbeit, Vereinbarkeit und Lebensrealitäten, (5) Geschlechterrollen, Stereotype und Bias sowie (6) strukturelle und organisationale Rahmenbedingungen. Die Ergebnisse zeigten, dass meritokratische Ideale zwar organisational kommuniziert werden, jedoch durch unterschiedliche Mechanismen und Effekte unterlaufen werden. Diese Effekte wirkten sich je nach Karrierephase unterschiedlich aus und führten zu spezifischen Deutungsmustern. Das Ergebnis der empirischen Analyse war die Entwicklung der Substantivtheorie. Diese Theorie beschreibt ein widersprüchliches System, in dem meritokratische Leistungsanforderungen mit geschlechtlich ungleich verteilter Sorgeverantwortung strukturell gekoppelt sind und wurde in einem mehrstufigen Ebenenmodell visualisiert, das Mikro-, Meso- und Metaebene integriert.